| „Wenn man mit einer großen Begabung und einem liebenswürdigen Charakter ausgestattet ist, wird man durch Lob nicht verdorben. Es spornt vielmehr an, neue Lorbeeren zu ernten.“ | ||
| 1952 ist weltpolitisch ein bewegtes Jahr: Elisabeth II wird Königin von England und dem Commonwealth, Eisenhower bereitet sich auf seine Kandidatur zum US- Präsident vor, auf dem Emiwetok-Atoll wird die erste Wasserstoffbombe gezündet und dabei die neuen chemischen Elemente „Fermium“ und „Einsteinium“ entdeckt. Ernest Hemingway veröffentlichte sein berühmtes Buch „Der alte Mann und das Meer“ und Samuel Becket beendete die Arbeit an seinem Theaterstück „Warten auf Godot“, das Theatergeschichte schreiben sollte. Wir wissen nicht, was das Ehepaar Virginia Otilia und Lucien Baranski in Cheektowaga von diesen Ereignissen am meisten bewegte, aber sicher freuten sie sich auf die Geburt ihres 2. Kindes, Christine Jane, am 2. Mai besagten Jahres. Mit der Geburt der Tochter erweiterte sich die Familie, denn 2 Jahre zuvor wurde Sohn Michael J. geboren. Cheektowaga liegt im Bezirk „Erie County“ (am Eriesee) im Staat New York, ca. 20 km von der Stadt Buffalo entfernt. Der Name „Cheektowaga“ leitet sich aus dem indianisch ab (Ji-ik-do-wah-gah) und bedeutet soviel wie „das Land der Holzapfelbäume“. Die Stadt, die heute ca. 80.000 Einwohner umfasst, war ursprünglich ländlich strukturiert, mit der Industrialisierung setzte der wirtschaftliche Boom ein. Die Agrarflächen wurden zunehmend durch Straßen zergliedert, eisenverarbeitende Industrie prägte das Landschaftsbild. Die Stadt entwickelte sich zum wirtschaftlichen Drehkreuz am westlichen Rande des Staates. In Cheektowaga wie auch in Buffalo hatte sich seit 1834 eine große Anzahl von polnischen Emigranten angesiedelt, die das gesellschaftliche wie kulturelle Leben prägten. Diese polnische Gemeinde „Polonia“ gründeten Zeitungen, eröffneten Theater, spielten in eigenen Orchestern und versuchten, ihre Kultur fern der Heimat lebendig zu erhalten. Noch heute haben 40 % der Einwohner polnische Wurzeln. Doch darüber später mehr. In besagtem polnischem Theater sah eines Tages eine junge Frau einen Mann auf der Bühne spielen, in den sie sich sofort verliebte. Die Liebe traf auf Gegenseitigkeit, doch die junge Frau war erst 16 Jahre alt und das Paar musste sich noch 2 Jahre gedulden, bis sie den Bund der Ehe schließen konnten. Mit einer gewissen Bewunderung in der Stimme hört man Christine diese Geschichte in einem Interview erzählen, die Geschichte ihrer Großeltern väterlicherseits. Walter Baranski war ein bekannter Schauspieler in Cheektowaga, die Theater im Viertel „Broadway Filmore“ seine Heimat. Die Leidenschaft für das Theater scheint Christine geerbt zu haben. Früh war sie von der Energie und Passion ihrer Großmutter beeindruckt . Sie muss eine sehr kreative und künstlerisch begabte Frau gewesen sein, diese Großmutter! Sang mit Koloratursopran Operetten und hatte in Buffalo ihre eigene Comedy-Radiosendung, die Christine als kleines Mädchen gespannt verfolgte. Manche Begabungen werden wohl weitervererbt. Ob ein Schauspieler-Gen existiert, kann ich nicht behaupten, aber berühmte Schauspieler-Familien wie die Barrymore´s oder der Redgrave-Clan oder auch die Hörbiger-Familie aus Österreich zeigen, es muss in den Genen liegen. Wann sind diese Schlüsselmomente im Leben eines Menschen, in denen er begreift, dass er ausgestattet ist mit einer besonderen Begabung? Dass es eine Art „Berufung“ geben könnte? Dieser Moment der Erkenntnis, ein Gefühl, eine Ahnung, dass hinter dem Schleier des Ungewissen etwas auf einen wartet! Ob dieser Moment bei Christine so dramatisch einschneidend war, ist nicht bekannt, aber sie hatte (vielleicht einen kurzen) Moment dieser Erkenntnis als kleines Mädchen. Sie erzählt von ihrem Vater, einem großen, stattlichen Mann, mit dem sie eine polnischen Tanz- und Gesangsaufführung besuchte und er, ganz außer sich vor Begeisterung, von seinem Platz aufsprang, klatschte und laut „Bravo“ rief. Da stand er mit Tränen in den Augen und Christine fühlte sich peinlich berührt. Was lag da in der Luft, dass es ihren Vater derart ergriff? Dass er ohne Rücksicht auf sie und die anderen seiner Begeisterung so Ausdruck verlieh? Vielleicht spürte sie instinktiv, dass Theater etwas bewirken kann, mit Talent und Geschick eine Illusion zu kreieren, die selbst große, stattliche Männer zum Weinen bringen kann. Vielleicht verstand sie mit kindlicher Naivität, wie das Theater Herzen öffnen kann. Kurz darauf verstirbt der Vater, der als Redakteur bei einer polnischen Zeitung beschäftigt war. Man kann nur ahnen, wie das junge Mädchen mit dem frühen Verlust des Vaters umging. „Den Tod des anderen anzunehmen heißt, für immer auf seinen Blick, seine Stimme und Zärtlichkeit, die Träger des Austausches mit ihm sind, zu verzichten, anders ausgedrückt: für phantasierte gemeinsame Vorhaben keine Zukunft mehr zu haben, kurz, den Schlusspunkt unter die Partitur eines der Instrumente unserer phantasierten Symphonie zu setzen.“ (S. 151, Raimbault). Christine erinnert sich: "When my father died, I became kind of an overachiever. That's when I really needed to get A's on all my tests and be president of the class. It seemed to me my father's death had a huge effect on me early on. Much of my life changed.... It was just my brother, my mother and I. And my mother had to go back to work. I became a real achiever. I became the president of my class from the sixth grade all through high school.” „Als mein Vater starb, wurde ich ein Überflieger. Ich musste in all meinen Klassenarbeiten Einser schreiben und wurde Klassensprecherin. Es scheint, der Tod meines Vaters hinterließ früh einen prägenden Eindruck. Vieles in meinem Leben änderte sich… jetzt war es nur noch mein Bruder, meine Mutter und ich. Meine Mutter musste wieder arbeiten gehen. Ich wurde ein richtiger Leistungsmensch. Ich wurde Klassensprecherin von der 6. Klasse an durch die gesamte Highschool hindurch.“ Jahre später resümiert sie, ihre Klassensprecherinnenzeit hätte weniger mit einem ausgeprägten Führungsstil, als viel mehr mit ihrer Fähigkeit zu tun, angstfrei vor Menschen sprechen zu können. Das Leben änderte sich schlagartig – Mutter Virginia musste wieder arbeiten gehen (für die Klimatechnik Firma „Buffalo-Forge“). Die Familiendynamik formierte sich neu. Das Geld war begrenzt und große künstlerische Aktivitäten nicht im Budget verankert: Christine nahm Ballettstunden, lernte Klavier und Cello, musste dieses aber wieder aufgeben. Was blieb war der Tanzunterricht. |
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