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Dürfen darf man alles – man muss es nur können
Kurt Tucholsky „Der Bär tanzt“
 

Es war vielleicht nur eine Frage der Zeit, wann Christine auch ihre Gesangsstimme entdecken würde. Dabei lag es auf der Hand: als Kind einer musikbegeisterten Familie - beide Eltern sangen in polnischen Chören, eine Großmutter mit Koloratursopran – war Singen ein fester Bestandteil des Familienlebens. Schon als Kind konnte sie Stunden damit verbringen, Musicals auswendig zu lernen und jede Partie zu singen, während ihre Mutter und Großmutter Bingo spielten.

Obwohl auf dem Julliard ausgebildet, hatte Christine vorrangig keine besondere Gesangsausbildung genossen.

Während ihrer „Cybill-Zeit“ nahm sie dann Gesangsunterricht. Produktionstage können auf einem TV-Set lang werden, viele Stunden sind mit Leerlauf verbunden. Christine wollte ihre Zeit nutzen, fern der Familie war das eine willkommene Ablenkung.

Ausgestattet mit einem Mezzosopran hörte man sie 1991 in dem Musical „Nick and Nora“ (Musik Charles Strouse, Text Richard Maltby Jr.) in der Rolle der „Tracy Gardner“. Dem Musical an sich war leider kein großer Erfolg beschieden und die schlechten Kritiken ließen die Zuschauer erst recht nicht das Theater besuchen. Nach nur 9 Aufführungen fand es ein jähes Ende.

Christine Baranski Biography2002 übernahm sie die Rolle der „Mrs. Lovett“ aus dem Erfolgsmusical von Steven Sondheim „Sweeney Todd“.

Das Musical über den mordenden Friseur aus der „Fleet Street“ und seine kannibalistisch-veranlagte, Pasteten backende Komplizin „Mrs. Lovett“ kann auf eine lange und erfolgreiche Zeit zurückblicken.

1979 am Broadway uraufgeführt brillierte damals Angela Landsbury in der Rolle der „Mrs. Lovett“ und setzte damit einen Meilenstein: 557 Vorstellungen wurden gespielt.

An Angela Landsbury muss man sich in der Rolle messen lassen und Christine überzeugte auf der ganzen Linie.

Die NY Times schrieb:

„… offers anything nearly as eye-opening as Ms. Baranski's Mrs. Lovett, well, those swampy summer days of Washington are starting to look something like paradise.”

“… die Aussicht auf Frau Baranski´s “Mrs Lovett” lassen die schlammigen Sommertage von Washington wie ein Paradies aussehen.“

Und die “Variety” stellte fest:

“As the economical helpmeet of Stephen Sondheim's demonic barber, Baranski is simply and entirely irresistible.”(Steven Sondheim Society)

“Als die Hilfe des dämonischen Friseurs von Steven Sondheim, ist Baranski schlicht und einfach unwiderstehlich.”

Eine weitere Rolle die von Angela Landsburry erfolgreich verkörpert wurde, ist „Mame“ aus dem gleichnamigen Musical von Jerry Hermann. Basierend auf dem Buch von Patrick Dennis „Auntie Mame“, scheint „Mame“ wie geschaffen für Christine. Und sie hatte schon ihre Erfahrungen in der Rolle gesammelt – während der Highschool. Manche Aufführungen werfen lange Schatten voraus.

„Mame“ erzählt die Geschichte der exzentrisch, reichen „Tante Mame“, die in ihrer extravaganten eigenen Welt dem 2. Weltkrieg und der Depression trotzt. Ihr einzigartiges Leben verändert sich, als ihr Neffe bei ihr einzieht.

Mame´s Lebensmotto verkörpert ihre Natur:

"Life is a banquet and most poor sons-of-bitches are starving to death."

“Das Leben ist ein Bankett und die meisten armen Schlucker verhungern dabei“.

In dieser Rolle ist alles erlaubt, so lange es exquisit, elegant und komplett übertrieben ist. Auch Mame weiß einen guten Schluck zu schätzen und mit ihrer besten Freundin trinkt sie sich den Tag schön.

Christine Baranski Biography

Es muss für den Kostümbildner eine wahre Freude gewesen sein, Christine entsprechend in Samt, Seide und Brokat zu kleiden. Eine Erscheinung, wie von Otto Dix gemalt und in Szene gesetzt.

Ein Kritiker erinnert sich:

… und so schreitet sie die Treppe hinab in Stöckelschuhen, dass kein Zweifel aufkommen wird - diese „Mame“ ist größer als das Leben selbst.

Diese Frauentypen scheinen Christine einfach zu liegen. Als ob in ihr selbst eine solche „Mame“ oder „Maryann Thorpe“ wartet, von der Kette gelassen zu werden.

“I adore clothes, I adore drinking. I just don't have the time or the inclination to totally indulge in it”.

“Ich liebe Mode, ich trinke gerne, aber ich habe nicht die Zeit noch die Absicht, da völlig drin aufzugehen”.

Dürfen darf man alles, auch wenn man über 50 ist?! Zwar nicht in den Augen der Hollywood-Produzenten, die, wie die Schauspielerin Diane Keaton einmal treffend formulierte, immer nach Geschöpfen Ausschau halten, die jung im Alter sind und die Lebenserfahrung einer 60 jährigen Frau mitbringen müssen.

Könnte man sie nur klonen! Ein Gesicht, so unschuldig und rein wie einst von einer jungen Audrey Hepburn mit der Intensität einer reifen Vanessa Redgrave.

Das Alters-Schicksal schlägt geschlechtsspezifisch beinhart zu: das zerfurchte faltige Gesicht eines Clint Eastwood wertet die Leinwand auf, Jack Nicholsons schütteres Haar und breiten Bauchansatz macht einen Film zum Kassenschlager, aber eine Schauspielerin über 50 ist fast nicht zu kompensieren. Außer in Mutter-, Schwiegermutter- oder Großmutter-Form oder als garstige Hexe.

Ganz wenige Schauspielerinnen in Hollywood können sich auch jenseits der 50 in Hauptrollen behaupten oder sogar die Filmwelt dominieren. Mit einer solchen wird Christine die Kinosäle im Sommer 2008 aufmischen, Meryl Streep!

Jede Generation hat den Feminismus, den sie verdient. Aber während sich heute junge Frauen auf einigermaßen abgesichertes Terrain befinden („Na, er hilft schon im Haushalt mit“), ihren Berufswünschen nachgehen können (obwohl immer noch nicht bei gleicher Bezahlung) und ihre Betreuungsnöte in der Kindererziehung von den Politikern wahrgenommen werden, hatte die amerikanische Frauen-Generation der 50er Jahre mit ganz anderen Rollenbildern und Klischees zu kämpfen.

Erzogen von Müttern, die von der „Großen Depression“ (Great Depression) in der Weltwirtschaft geprägt waren, mussten sie gegen das perfekte Hausfrauen- und Mutterbild einer Doris Day, über das feministische Bewusstsein von Gloria Steinem, über das simple Kindererziehungsmuster „Just say No“ von Nancy Reagan (Slogan der Drogenkampagne der späten 80er und frühen 90er Jahren) ihren Platz in einer Gesellschaft finden, die sich schwer tat, Frauen aus ihrem Rollenbild zu entlassen.

Erica Jong schreibt in ihrem Buch „Keine Angst vor 50“:

„Immer waren wir zerrissen zwischen den Müttern in unseren Köpfen und den Frauen, die wir werden mussten…“

Sind diese Frauen öffentlich erfolgreich, dann multipliziert sich das alles noch mit dem Faktor „Vorbild“.

Angelina Jolie reist heute mit 5 Kindern und Mann um den Globus, sieht auf dem roten Teppich umwerfend aus und dreht nebenher interessante Filme. Wie groß ihr „Betreuerstab“ ist, sieht man nicht.

Frauen können ganz schön unter Druck geraten.

With being an actress you have a certain number of (working) years. I always say God should have given women one extra decade at least, especially if you want a family. You´r trying to pack a lot in”. (Metro Weekly 2006)

“Als Schauspielerin hast Du nur eine bestimmte Zahl an Arbeitsjahren. Ich behaupte immer, Gott sollte Frauen zumindest eine extra Dekade an Jahren geben, besonders wenn Du eine Familie willst. Du versuchst so viel wie möglich reinzupacken.“

Was freuen wir uns, wenn wir dann Gesichter sehen, die das „irgendwie geschafft haben“, Familie, Kinder, Beruf und zudem fabelhaft aussehen. Oder uns ein gutes Gefühl über das „Altern in Würde“ geben.

Ein schelmisches Grinsen kann man bei diesen Schauspielerinnen im Gesicht sehen: Oskarpreisträgerin Dame Helen Mirren, mit interessantem Tatoo an der Hand, Marianne Faithfull mit äußerst bewegtem Leben, Dame Judy Dench mit markantem Falten und Meryl Streep, die wohl in ihrer eigenen Liga spielt.

Alles erfolgreiche Schauspielerinnen über 50: man freut sich, dass sie den Mut besessen und sich mit viel Energie und Ausdauer durchgesetzt haben.

Und zudem Humor beweisen! Wer möchte schon in einem hautengen Glitzeranzug und mit Plateaustiefeln auf einer Multiplexleinwand von Millionen Menschen beäugt werden?

 
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